Kolumne
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Von nun an,
alle Jahre wieder.

Anhand lautender Aussagen, der hier am Tisch versammelten Bekannten und Verwandten, gibt es sowohl gutes, wie schlechtes Wetter, allerdings ausschließlich verheerende Situationen im Straßenverkehr. Denn unter Verkehrenden, ist man sich einig, dass es stets ein Wagnis ist, sich der lauernden Gefahren im Straßenverkehr auszusetzen. 
Die Themen liegen trotz einseitiger Überschneidung in allen Bereichen nah beieinander. 
Es war keine Überraschung, so vielfältig das Wetter war, bot es jedem die Möglichkeit anzuknüpfen. Man erwähne, ob es kalt oder warm, regnerisch, sonnig oder einfach nur bewölkt war und lenke das Gespräch in eine vollkommen neue Richtung.
Tante Karin schwärmte jährlich von Weißer Weihnacht und wenn Opa Herrmann unter den Anwesenden weilte, war klar, dass er daraufhin seine allseits beliebte Geschichte über das schlimmste Schneetreiben des letzten Jahrtausends erzählen werde.
„Weiße Weihnacht... Dass wisst ihr Kinder ja gar nicht, was das für ein Schlamassel sein kann.“, begann Opa Herrmann, ohne einen Gedanken daran zu verlieren, ob er diese Geschichte schon zu Genüge erzählt haben könnte. Als wären alle am Tisch eingeweiht, lauschten sie seinen Worten, wie beim ersten Vortragen.

Im Grunde ging es so: 
Es war ein Kampf zwischen Ungleichen, wie David gegen Goliath, Mensch gegen Natur. Die Sicht war grauenhaft, es war kalt und das Radio rauschte so sehr, wie der Wind die Schneeflocken umhertrieb. 
Es war 1988, zu jener Zeit war Opa Hermann Gast-Dozent an der Universität in Bergamo. Sein Heimweg führte ihn geradewegs über die Alpen. Er und eine kilometerlange Kolonne von Reisenden, Urlaubern und Heimkehrern waren kurz vor Vaduz, als der Himmel über ihnen einbrach. Von jetzt auf gleich fegte ihnen ein Schneetreiben um die Ohren. Binnen zehn Minuten war alles wieder vorbei, die Straßen überschüttet mit Neuschnee und Schnee von den Hängen. 
Für die Autos war es ein schweres Durchkommen. Den ganzen Pass bis runter ins Tal standen sie. Fahrer, Beifahrer, ganze Familien schippten sich mit Händen, Schaufeln, Skiern und Helmen den Weg frei. Einzig allein er und sein Ur-quattro konnten die Schneemassen bezwingen. Er fuhr ihnen eine Spur voraus, sodass sie ihm nur nachfahren mussten. „Nicht mal das, haben sie auf die Reihe bekommen.“, schimpfte er. „Unverantwortlich ohne geeignetes Equipment, sich diesen Witterungen auszusetzen“, urteilte er, getreu gewohnt fassungslos, und holte sich ein bejahendes Kopfnicken der Älteren ein.
Mit erhobenem Zeigefinger richtete er seine Worte an die jüngeren in der Runde: „Zu kleinen Punkten im Rückspiegel wurden ihre Autos, bis sie letztlich im rauschenden Wirrwarr von Schnee und Wind verschwanden.“ Das war noch eine dezente Übertreibung. 
„Wer weiß, ob sie es jemals fort geschafft haben. Ich habe nie wieder einen von Ihnen gesehen.“, scherzte er. 
Abschließend fügte er bei: „Ihr könnt noch so Willensstark sein, letztendlich müsst ihr eurem Glück die besten Voraussetzungen schaffen.“ Opa Herrmann war der Ansicht, das Leben sei ein Spiel, mit Gewinnern und Verlierern, und er besaß das glücklichste Paar Hände der Welt. Außer Oma Hannelore, waren alle aus dem Häuschen. Es folgten anerkennende Lacher, verblüffte Gesichter und jede Menge Zuspruch. 

Bei Tisch mit Bekannten und Verwandten, vereinten sich auf natürlichste Weise die Gemüter, gegen die Chaoten draußen auf den Straßen. Epen von Helden kamen reihenweise ans Licht. Eine Geschichte, wie die von Opa, so eine hatte jeder der Älteren auf Lager. Immer war es glimpflich, immer behielten sie die Kontrolle und immer konnten sie schlimmeres vereiteln.
Ist klar, dass ich da mitreden wollte. Beziehungsweise, ich wollte nicht nur mitreden, ich wollte meine eigene Geschichte auftischen.

 


Es waren wenige Tage bis Weihnachten. Meine praktische Führerscheinprüfung hatte ich im November hinter mich gebracht. Ich war bereit auf den Straßen mitzumischen und ich hatte ein Ziel. 
Ein explosionsmäßig geniales Geschenk für Jakob, meinen Neffen, ich hatte ich ins Visier genommen. Der entdeckte kürzlich die Cineasten für sich und ich wollte ihm eine Popcorn-Maschine schenken. Nicht irgendeine, die PCP 707 sollte es sein. Die Boeing unter den Popcorn-Poppern – ich hatte sie selbst in meiner WG, bis mein kongenialer Mitbewohner darin Softair-Kugeln schmelzen ließ. Nicht nachmachen! 
Keine 30 Kilometer entfernt, fand ich ein Inserat mit entsprechender Beschreibung. User 19tobey60 verkaufte das Gute Stück aus erster Hand. Selten gebraucht, stand das Teil die meiste Zeit im Keller, schrieb er in seine Anzeige. Für den Verkauf hat er die Maschine gereinigt, einen Testlauf durchgeführt und wieder gereinigt. „Alles Tippi-toppi.“, schrieb mir 19tobey60 auf Nachfrage. 
User 19tobey60 heißt Tobias Yohring, erfuhr ich später mit samt seiner Adresse, die jetzt doch ganze 145 Kilometer weiter weg lag als angegeben. Irgendwo im ehemaligen Grenzgebiet zwischen Ost und West. Das ist schon Thüringen, bemerkte ich.
Wir vereinbarten, uns auf halber Strecke entgegen zukommen. Treffpunkt: Point Alpha, am ehemaligen Todesstreifen, nichts Wildes.


Carla und Can liehen mir ihre Rosa Rakete – ein alter Opel Corsa, der die besten Jahre hinter sich hatte. Die Beifahrertür war zugeschweißt, der Kofferraum ließ sich nicht mehr verriegeln und das Radio spielte ausnahmslos HR2 (Klassik). 
Es war jedem gut geraten, der sich hinter dieses Steuer setzte, sich auf ein komplett neues Fahrerlebnis einzulassen. 
Kein Bus, keine Bahn, keine Autobahn, nur eine asphaltierte Landstraße querfeldein führte zum Übergabeort. Die Rosa Rakete war für die Mission unverzichtbar.
Die Fahrt entwickelte sich zu einer Inszenierung, unglaublicher zusammenhangsloser Zufälle, wie ich sie mir besser nicht hätte Wünschen können. Es fing damit an, dass eigenartige Dinge an mir vorbeizogen. Ich glaubte, einen Elfen gesehen zu haben, der Geschenke vom Straßenrand einsammelte und an einer Tanne, hing eine rote Zipfelmütze. Ich dachte mir nichts dabei, wieso auch, zu Weihnachten lassen sich die Leute allerhand Wahnsinn einfallen.
Die Strecke führte durch Wälder, über Felder, in Serpentinen zog es sich rauf und schnurstracks wieder Runter. 
Den Berg runter ließ ich’s rollen. Aufwärts kam ich nur mit schweren Gebrüll. 
Die letzte Steigung hatte es in sich. Da stellten die Banausen vom Straßenamt tatsächlich eine Ampel mitten rein, wo außer Wald und Bäumen nichts war.
Ich stand am Hang, an einer Kreuzung, die von einem Feldweg durchquert wurde, der beiderseits im Wald verschwindet. Mit Linksabbieger spur. WTF?! Zu viel des Guten, dachte ich mir. Soll es einfach grün werden.
Wir, die Rosa Rakete und ich, bekamen Besuch. Hinter uns reihte sich ein großer roter Pick-up mit monströser Schnauze ein.
Ich drehte das Radio auf, Bach’s Gloria erklang aus den Boxen. Ein starkes Stück, wenn man es nur mal wirken lässt – so friedlich.
Es wurde Gelb, es war grün: Die Rosa Rakete machte einen Ruck, wir blieben an Ort und Stelle. „Misst!“, fluchte ich leise. Ich hasste es, wenn ich abwürgte, vor allam am Hang, das machte mich etwas nervös. Ich drehte den Schlüssel einmal um, nichts passierte. Dann beim zweiten Versuch sprang die Zündung wieder an, doch da wechselte die Ampelschaltung wieder von Gelb zu Rot. Hinter mir lautes Hupen.  "Ja sorry, aber jetzt ist's rot, verdammte Grütze.", sprach ich gegen meinen Rückspiegel.
Diese ganze Ampel war ein Witz. „Big Brother Go Home, It’s Christmas.“, dachte ich laut und blickte rauf zur Ampel, auf der eine Kamera installiert war.

 
Der rote Pick-up fuhr neben mich auf die Linksabbieger Spur. Ich ahnte nichts Gutes. Im Pick-up saß eine Frau, ich schätze 40, schlecht gealtert. Ich nenne sie Moni, weil sie mich an die Kassiererin erinnerte, die mir keinen Sixer Bier verkaufen wollte, als ich meinen Ausweis vergas. Ich war 21 Jahre alt, Moni! Wein und Bier ist ab 16!
Sie hupte jetzt durchgängig. Ich hupte auch, einfach so, weil ich kein Verständnis für die Gesamtsituation hatte. Gehört hat man meine Hupe nicht. Sie ging unter in dem aufhorchenden Geröll und der lautstarken Hupe des Pick-up. Moni blickte vorwurfsvoll rüber. Ich versuchte ernst zu bleiben, was mir nicht so sehr gelang, denn immerhin standen wir an einer lächerlichen Kreuzung, mitten im Wald, an einer Ampel, die rot anlief, wenn man ihr zu nahe kam. Die Wut stand Moni ins Gesicht geschrieben. Ich war auch etwas aufgebracht. Sie fuhr ihr Fenster runter und bevor sie auch nur den ersten Ton über ihre verrauchten Stimmbänder feuerte, nahm sie die Farbe der Ampel an – sie war fuchsteufelsrot. 

„Hör auf zu hupen!“, schrie sie. Ich hupte noch immer – unbewusst. Ihre rötlichen Wangen brachten ihre blonden Strähnen besonders zur Geltung. Allem voran pochte sie darauf, die Unverfrorenheit zu besitzen sich ihr in den Weg zu stellen und wie ich so unfähig sein kann, von der Stelle zu kommen. 
„Es ist gefährlich hier draußen.“, sagte sie, Pardon, ich meinte, schrie sie. 
Ich wusste nicht, wo ich bei ihr anknüpfen sollte, sie brasselte in einer Tour auf mich ein. Ich versuchte ihren einseitigen Monolog mit passenden Grimassen zu untermalen. Von verblüfften und echauffierten Gesichtern bis hin zu freundlichen und traurigen Visagen. Ich weiß nicht, ob es sie beeindruckte, jeden falls war sie verstummt. 

Zu unserer Überraschung, überquerte etwas die Kreuzung. Ein Schlittengespann gezogen von fünf Huskies. Gefolgt von einem Mann im Weihnachtsmann Kostüm, ohne Mütze, denn diese hing ja bekanntlich an einer Tanne, ein paar Kilometer zurück, und gejagt von einem Bären, der ihnen an den Sack wollte.  
Alle samt kamen sie aus dem Wald und bis auf den Bären, verschwanden sie auch wieder im Wald. 
Der Bär riss mit seiner rechten Pranke ein Loch in den Sack und heraus plumpste eine Keksdose. Eine Keksdose mit kleinen Bärchen drauf. Dem Bären schien diese Dose zu gefallen und er öffnete sie, als würden Bären nichts anderes tun. Die Dose wurde schnell uninteressant und seine Aufmerksamkeit galt unseren Blechbüchsen auf Rädern. 

Bleib souverän, dachte ich. Ich sah dem Bären in die Augen und für einen kurzen Augenblick kommunizierten wir auf Augenhöhe. 
Moni hingegen entschied sich wieder volles Horn zu blasen und hupte wie verrückt. Dem Bären schien das tierisch zu nerven. Der machte einen Satz nach vorn, blickte zu mir, dann zu Moni, die jetzt ihren Motor aufheulen ließ.
Im nächsten Moment, katapultierte sich der Bär mit der Kraft seiner Hinterbeine in die Luft und landete auf dem Dach des Pick-up.  Es wurde grün. Ich sah kurz zurück,  sah, dass auf der Pick-up Lade Wild geladen war, ließ die Kupplung kommen und drückte das Gas bis zum Anschlag durch. Ich war hier sowas von weg. Die Rosa Rakete machte ihrem Namen alle ehre und ich hatte meine Geschichte.

 


Beim nächsten Zusammentreffen, erzählte ich von diesen Kuriositäten. Es blieb still, anstandslos still und nach Ende ließen die Reaktionen auf sich warten. Ich sah verdutzte Gesichter, die alle uneins ratlos waren, einzig die neue Freundin meines Bruder, fühlte sich ergriffen etwas zu sagen: „Das nächste mal klappt das Anfahren auf anhieb.“ Dann reichten sich alle Wein und Bier und der andere Opa, Opa Alfred, erzählte eine Geschichte von der Jagd.

 
PS: Die Popcorn-Maschine ist gut angekommen. Jakob mag zwar kein gesalzenes Popcorn, aber da sehe ich drüber weg. 

© 2020


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