Kolumne  |  Liest sich besser zur Adventszeit
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Von nun an,
alle Jahre wieder.

Anhand lautender Aussagen, der hier am Tisch versammelten Bekannten und Verwandten, gab es in der Vergangenheit sowohl gutes, wie schlechtes Wetter, allerdings ausschließlich verheerende Situationen im Straßenverkehr.
Begeistert schwärmte Tante Karin alle Jahre wieder von Weißer Weihnacht, während Opa Herrmann alljährlich, sich diese Gelegenheit zu nutzen machte, um entsetzt, von seiner allseits beliebten Heldengeschichte im Straßenverkehr zu berichten. 
„Weiße Weihnacht… Dass wisst ihr Kinder ja gar nicht, was das für ein Schlamassel sein kann.“, begann Opa Herrmann, ohne einen Gedanken daran zu verlieren, ob er diese Geschichte nicht schon zu Genüge erzählt haben könnte. Als wären alle am Tisch eingeweiht, lauschten sie seinen Worten, wie beim ersten Vortragen. 

Im Grunde war es ein Kampf zwischen Ungleichen, wie David gegen Goliath, Mensch gegen Natur. Zu jener Zeit war Opa Herrmann Gast-Dozent an der Universität in Bergamo. Sein Heimweg führte ihn geradewegs über die Alpen. 
Er und eine endlos lange Kolonne von Reisenden, Urlaubern und Heimkehrern waren kurz vor Vaduz, als der Himmel über ihnen einbrach. Von jetzt auf gleich fegte ihnen ein Schneetreiben um die Ohren und binnen zehn Minuten soll es vorbei gewesen sein. Die Straßen waren überschüttet mit Neuschnee. Für die Autos gab es kein Durchkommen mehr, doch einzig allein Opa Herrmann und sein Ur-Quattro konnten die Schneemassen bezwingen. Er fuhr den Hilflosen heldenhaft eine Spur voraus, sodass sie ihm nur nachfahren mussten.
„Unverantwortlich ohne geeignetes Equipment, sich diesen Witterungen auszusetzen.“, urteilte er, getreu gewohnt fassungslos, und holte sich ein bejahendes Kopfnicken aller Zuhörer ein.

Außer Oma Hannelore, waren alle aus dem Häuschen. Es folgten anerkennende Lacher, verblüffte Gesichter und jede Menge Zuspruch. 
Bei Tisch vereinten sich auf natürlichste Weise die Gemüter, gegen die Chaoten draußen auf den Straßen. Epen von Helden kamen reihenweise ans Licht. Eine Geschichte, wie die von Opa Herrmann, hatte jeder der älteren auf Lager. Immer war es glimpflich, immer behielten sie die Kontrolle und immer konnten sie schlimmeres vereiteln. Bis zu diesem Weihnachtsfest saß ich bei Familienfeiern auf der Seite der Zuhörer. Es war an der Zeit, ihnen eine eigene Geschichte aufzutischen. Ein Versuch:

Es waren wenige Tage bis Weihnachten und ich brauchte ein Geschenk für meinen Neffen. Jakob, der Sohn meiner älteren Schwester, entdeckte kürzlich die Cineasten für sich und ich wollte ihm eine Popcorn-Maschine schenken. Nicht irgendeine, die PCP 707 sollte es sein – die Boeing unter den Popcorn-Poppern. Ich hatte sie selbst in meiner WG, bis mein kongenialer Mitbewohner darin Softair-Kugeln schmelzen ließ.  
In einem Inserat auf Kleinanzeigen, fand ich ein Exemplar mit entsprechender Beschreibung, dass gerade mal 30 Kilometer entfernt war. User 19tobey60 verkaufte das Gute Stück aus erster Hand. Selten gebraucht, stand das Teil die meiste Zeit im Keller, schrieb er in seine Anzeige. Für den Verkauf, hat er die Maschine gereinigt, einen Testlauf durchgeführt und wieder gereinigt. „Alles Tippi-toppi.“, schrieb mir 19tobey60 auf Nachfrage. User 19tobey60 hieß mit Klarnamen Tobias Yohring, erfuhr ich später mit samt seiner Adresse, die ganze 145 Kilometer weiter weg lag, als angegeben. Irgendwo kurz hinter der Grenze auf Ostseite. Wir vereinbarten, uns auf halber Strecke entgegen zukommen. Treffpunkt: Point Alpha.

Carla und Can liehen mir ihre Rosa Rakete – ein alter Opel Corsa, der die besten Jahre hinter sich hatte. Die Beifahrertür war zugeschweißt, der Kofferraum ließ sich nicht mehr verriegeln und das Radio spielte ausnahmslos HR2 (unser regionaler Klassiksender). Es war jedem gut geraten, der sich hinter dieses Steuer setzte, sich auf ein komplett neues Fahrerlebnis einzulassen. Can erklärte es mir ganze drei Mal, bevor er mir die Schlüssel übergab. 

Die Fahrt entwickelte sich zu einer Inszenierung, unglaublicher Zusammenhänge. Gleich zu Anfang, sah ich einen Elfen auf einem Elefanten, der mit einer Müllzange, Geschenke einsammelte, die wiederum, auf zwei Kilometer verteilt, am Straßenrand lagen. An einer Tanne, hing eine rote Zipfelmütze und bei Kilometer 83 sah ich Fledermäuse auf mich zukommen. 
Die Strecke hatte ihre Höhen und Tiefen und manche Steigungen hatten es besonders in sich, besonders dann, wenn an ungünstigster Stelle eine Ampel stand. Mitten drin, bei Wald und Bäumen, vollkommen belanglos, kam ich zum Stillstand. Ich stand am Hang, an einer Kreuzung, die von einem Feldweg durchquert wurde, der beiderseits im Wald verschwand – das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. 

Hinter mir reihte sich ein großer Pick-up mit monströser Schnauze ein. Das machte mich etwas nervös und siehe an, es wurde grün, ich ließ die Kupplung vorsichtig kommen, die Rosa Rakete machte einen Satz nach vorn und wir standen. Ich drehte den Schlüssel einmal um, der Motor sprang nicht an.
„Misst!“, fluchte ich leise. Beim zweiten Versuch klappte es, doch da war es wieder Rot. Hinter mir ertönte lautes Hupen. Der rote Pick-up fuhr neben mich. Eine Frau, – ich nannte sie Moni, weil sie mich an die Kassiererin im Supermarkt erinnerte, die mir keinen Wein verkaufen wollte, obwohl ich schon 21 war – also Moni, hupte vollkommen aufgebracht und ununterbrochen, während sie obszöne Worte von sich gab. Ich stellte das Radio lauter. Moni fuhr ihr Fenster runter. 
„Schalt das Radio ab!“, schrie sie mehrmals und verstummte, als ein Schlittengespann die Straße überquerte. Ein Schlittengespann gezogen von fünf Huskies, gefolgt von einem Mann im Santa Claus-Kostüm und gejagt von einem Bären. Alle samt kamen sie aus dem Wald und bis auf den Bären, verschwanden sie dort auch wieder. Dem Bären gelang mitten auf der Straße der entscheidende Hieb und entriss dem großen Sack mit den Weihnachtsgeschenken eine Keksdose. Es war eine schöne Keksdose mit kleinen Bärchen drauf. Dem großen Bären schien die Dose zu gefallen, genauso wie die Kekse darin. Für einen Bären war die Mahlzeit jedoch recht bedürftig. Seine Aufmerksamkeit galt nun unseren Blechbüchsen auf Rädern. Moni, die mich eben noch anschrie, hatte plötzlich eine Trillerpfeife im Mund, ein Pfefferspray in der Rechten und ließ ihren Motor aufheulen.
Ich sah dem Bären in die Augen, ließ die Kupplung kommen und fing reflexartig an zu Beten. Ich drückte das Gaspedal bis zum Anschlag durch und war auf und davon. 

Als ich bei Tisch davon erzählte, blieb es still, anstandslos still und nach Ende meiner Erzählung ließen die Reaktionen auf sich warten. Ich sah in verdutzte Gesichter, die alle uneins ratlos waren. Einzig die neue Freundin meines Bruders, fühlte sich ergriffen, sich mir mitzuteilen. „Das nächste Mal, klappt das Anfahren auf anhieb.“, sagte sie. Dann reichten sich alle Wein und Bier und Opa Alfred erzählte von seiner Safari durch Süd-West-Afrika. Eventuell brauche ich eine neue Geschichte.


PS: Die Popcorn-Maschine ist gut angekommen. Jakob mag kein gesalzenes Popcorn, aber da sehe ich drüber weg. Moni kam übrigens ungeschoren davon und eine lokale Zeitung landete mit ihrer Seite der Geschichte einen viralen Hit. Sie nannten sie, die Wiederkehrende.

© 2020


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